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Medien, Musik und mehr

Bier und Kleist in Bielefeld

Wenn das Publikum den Theatersaal betritt, dann sind die ersten Schauspieler schon da und lümmeln sich auf den Sesseln in der ersten Reihe. Weitere kommen aus dem Hintergrund, eine bietet mir alkoholfreies Bier an.

Hey Leute, hier geht es gleich um Der zerbrochne Krug, eine knallharte Gerichtsverhandlung, hier geht es um einen Klassiker. Um einen echten Klassiker. Na und?

Dass der eben nicht verstaubt ist, merken die Zuschauer sofort. Auf die Bielefelder Bühne gebracht hat ihn Regisseurin Martina Eitner-Acheampong – und sie schafft es, das Stück ins Jetzt zu holen, aktueller, als es ohnehin schon ist. Der Dorfrichter wird zum Vergewaltiger. Und wie beklemmend Henriette Nagel und Sebastian Graf die Szene spielen, sorgt (zumindest bei der Premiere) für Tränen in der zweiten Reihe. Echt!

Heinrich von Kleist muss das gerade erst geschrieben haben. Dabei gibt es keine gestelzte Modernität, es kann vor 200 Jahren stattgefunden haben, es findet jetzt statt, es wird stattfinden.

Wer den Krug in dieser Spielzeit Bielefeld sieht, weiß vielleicht, was Klassiker ausmacht. Und ich weiß, warum ich Klassiker liebe.

In die bösen Augen

Über die dichterischen Qualitäten Gerhart Hauptmanns wird man kaum streiten können, will ich hier auch nicht. Ich mag seine Texte, besonders solche wie Vor Sonnenaufgang, sein soziales Drama, das ich  (was wahrscheinlich wirklich keinen interessiert) 1991 erstmals gelesen habe, davor schon Die Weber. Wieder interessant: Dass Kaiser Wilhelm II. den „sozialdemokratischen Dichter“ nicht schätzte, war und ist mir sympathisch. Auf meiner Liste habe ich auch den Besuch des Hauptmann-Hauses in Hiddensee. Unbedingt. Dass er, wie es in einem Artikel der Zeit so vielsagend heißt, Hitler tief in die Augen geblickt hat, kommt in meiner Wahrnehmung  allerdings ein wenig kurz.

Die Erinnerungen von Judith Kerr liefern ein etwas genaueres Bild von Gerhart Hauptmann, was die Begeisterung für die Nazis betrifft. Wie diese Woche auf NDR-Kultur zu hören, war die 93-jährige im Interview mit Michael Köhler erstaunt, wie abschätzig sich Hauptmann über ihren Vater geäußert hat.

Sie selbst wusste aus der Erinnerung, dass sie Alfred Kerr gefragt hatte, ob er Hauptmann  verzeihen würde, wenn er seinen Fehler eingestehen würde. „Nein, nie“, habe der Vater dann geantwortet. Dabei hatten sie „Brüderschaft getrunken“ und den Kindern Champagner gegeben, damit die sich daran erinnern. Hauptmann sei dann „ganz zu Hitler rübergegangen“, erinnerte sich Judith Kerr. Hauptmann hatte Alfred Kerr Ende 1933 als „schlesischen Ghettospießer“ bezeichnet, als Mann „ohne Europabildung“, als einen „Ghettojuden mit journalistischem Leerlauf“. Judith Kerr zeigte sich im Interview entsetzt, dass Hauptmann so über ihren  Vater sprach: „Das wusste ich nicht.“ Besonders erstaunt war sie, dass die Zitate schon aus dem Jahr der Machtergreifung stammen. Dass es den Willen gab, „dazuzugehören“, war bekannt. Hauptmann wollte NSDAP-Mitglied sein, was aber offensichtlich abgelehnt wurde. Sozialdemokratischer Dichter?

Das Interview, das Judith Kerr 2007 dem Spiegel gegeben hatte, macht die Tragik der Geschichte zusätzlich deutlich:

„Mein Vater hatte Hauptmann ja eigentlich entdeckt. Er war der erste, der über seine Stücke geschrieben hat und gesagt hat, dass sie großartig sind.“

Dass Hauptmann sich öffentlich nicht zum Nationalsozialismus geäußert hat, wie es beispielsweise das Lemo-Projekt darstellt, mag richtig sein, im „engsten Kreis“ war das jedoch offenbar anders, was wohl auch die unzähligen Anmerkungen in Mein Kampf deutlich machen. Ich frage mich schon, wie er reagiert hat, als Hauptmann das Ausmaß der Katastrophe erkennen musste. Einer also, der so lange an seinem Lebenswerk gearbeitet hat, nicht weniger als ein Nobelpreisträger.

Kerr war sicherlich der wichtigste Theaterkritiker der Weimarer Republik. Seine Tochter Judith, die seit über 80 Jahren in England lebt, wurde durch den Roman Als Hitler das rosa Kaninchen stahl bekannt. Alfred Kerr, geboren 1867, hatte seine Theaterkolumne bis 1933 täglich im Berliner Tageblatt geschrieben. In jenem Jahr floh er mit der Familie nach England. Für seine Arbeit interessierte sich kaum noch jemand, 1948 nahm er sich das Leben. Er könne nicht mehr richtig denken, habe er laut Judith Kerr gesagt. Und seine Frau, ihre Mutter, habe das Gift besorgt. Kerr hatte Abschiedsbriefe an alle geschrieben, an Judith, ihren Bruder, der Jura studierte, und an die Mutter.

Gerhart Hauptmann lebte von 1862 bis 1946.


Alfred Kerr im Lemo.  An dieser Stelle findet sich natürlich auch Gerhart Hauptmann.  Ohnehin: Das Lebendige Museum Online bietet eine gute Übersicht. Getragen wird es von den Stiftungen Haus der Geschichte und  Deutsches Historisches Museum.

Den Artikel der Zeit, den ich im Beitrag  zitiere, habe ich im Archiv gefunden. Es geht 2012 um eine damals neue Biographie von Peter Sprengel: Gerhart Hauptmann – Bürgerlichkeit und großer Traum.  Aus dem Artikel von Peter Kümmel auch hier ein kurzes, weil so erhellendes  Zitat:

Als er am 15. November 1933 Hitler die Hand schüttelt, sehen sich die beiden Männer lang und stumm an, und Hauptmann schwärmt von des Führers Blick: „seltsames und schönes Auge“. Hitler nennt er den „Sternenschicksalsträger des Deutschtums“, Mein Kampf bezeichnet er als die „hochbedeutsame Hitlerbibel“, die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 erkennt er als „reine Albernheit“.

Sehr gut gefallen hat mir das Interview im Spiegel mit Judith Kerr vom Oktober 2007, entdeckt bei einestages.

Der gute Ton

Bloggen gehört bei Journalisten bekanntlich zum guten Ton – auch wenn ich schon wieder Stimmen höre, dass Bloggen gar nicht mehr angesagt sei. Sowas ist mir egal. Ich steige  wieder ein bisschen ein und schaue, was daraus wird. Selbstverständlich soll es auch hier um Medien, Musik und mehr gehen – um all die Dinge, die ich interessant finde. Oder schön.

Wer hier folgt, wird also meine persönliche Sichtweise auf den Journalismus kennenlernen, vielleicht die eine oder andere Musik-Rezension lesen (wobei es nicht um Neuerscheinungen gehen muss) oder lesen, was ich gerade lese.  Auf das „Mehr“ bin ich schon selbst ganz gespannt. Viel Spaß dabei und gute Unterhaltung.

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