Das echte Mittelalter?

Markt_BielefeldEigentlich mag ich es gar nicht, wenn man mir erzählt, dass Besucher von Mittelaltermärkten davon ausgehen, dass sie sich in einer Welt bewegen, die tatsächlich – sagen wir – dem 13. Jahrhundert entspricht. Ich kenne solche Leute, die so denken, nicht – und ich kenne einige, die eben diese Mittelaltermärkte besuchen. Und glaubt mir: Ich habe in meinem bisherigen Berufsleben ziemlich oft von solchen Veranstaltungen berichtet. Mittelaltermärkte sind ein ganz eigener Kosmos und haben mehr von der Sphäre aus Herr der Ringe als reale  Vergangenheit. Gandalf lässt grüßen – und warum auch nicht? Insofern ist die „Mittelalterband“, die mit E-Bass auf der Bühne steht, schon ganz okay – ich habe nichts dagegen.

Aber warum schreibe ich das hier? Ganz einfach: Ich möchte ein Buch empfehlen, dass sich um die Zeit zwischen dem sechsten und dem 15. Jahrhundert dreht. Mehr als einmal wird hier behauptet, dass eine ganze Unterhaltungsindustrie jene Jahrhunderte für sich entdeckt habe. Das ist zweifelsfrei richtig – aber niemand, der sich ernsthaft mit Geschichte auseinandersetzt, wird glauben, dass die Gaukler eben jener Epoche entsprechen. Einen solchen „Lead“ hätte es also gar nicht gebraucht.

Aber Schwamm drüber – das Buch ist wirklich gut. Eine lesenswerte Geschichte allemal, tolle Geschichten, zusammengestellt von Annette Großbongardt und Johannes Salzwedel. Manchem mögen die Texte des Spiegel-Buches wieder bekannt vorkommen, sie sind hier eben für das Buch noch einmal neu aufgelegt worden – gut so! Wirklich umfassend wird in überschaubaren Stücken über das Leben der Bauern berichtet, wie mittelalterliche Kartenwerke funktionieren, warum Klöster so erfolgreich waren und fromme Christen nach Santiago di Compostella pilgerten. Pilgern, so heißt es hier, war eine im Mittelalter weit verbreitete Sitte, es war „eine der wichtigsten Formen des Unterwegsseins“, wird Klaus Herbers zitiert, Historiker aus Erlangen.

Es macht einfach Spaß, den Autoren hier zu folgen, etwa wenn es um das erste deutsche Rechtsbuch geht, den Sachsenspiegel, der auch 750 Jahre später noch Gültigkeit hat.  Da gab es diese Geschichte von 1981, als ein Hobbyarchäologe in Urach schmiedeeiserne Geräte aus dem frühen Mittelalter ausgegraben, sie ins Auto geladen und nach Hause gebracht hatte. Eine Straftat, denn „im Boden verborgene Schätze gehören dem Landesherrn und nicht dem Finder.“ Die Richter des Bundesverfassungsgerichts verwiesen auf eine Rechtssprechung aus dem Jahr 1230. Bemerkenswert.

Ritter und Adel werden beschrieben (darunter auch die Hofnarrren, die den Herren oft mutig den Spiegel vorhielten) und Christine de Pizan, die erste Berufsschriftstellerin überhaupt. Sie konnte von ihren Texten leben – und dass das Buch dazu beiträgt, ihre Werke vielleicht auch im deutschen Sprachraum bekannter zu machen, ist allemal lobenswert.

Zu meinen Lieblingsaufsätzen gehört die Geschichte von Giotto, der die Malerei um 1300 erneuerte und die Magie der Lettern, die die Erfindung des Buchdrucks beschreibt, die wiederum das Ende des Mittelalters einläutete. das wiederum schlägt den Bogen in die Jetzt-Zeit – denn die Erfindung des Computers hat wohl eine ähnliche Kulturrevolution ausgelöst.

Ich bin in dem Zusammenhang nur noch gespannt, wie irgendwann – vielleicht in 500 Jahren – unsere Zeit gesehen wird. Ob es dann wohl auch Neuzeit-Märkte gibt. Bestimmt. Aber sie werden nicht so sein wie das Jetzt.


Leben im Mittelalter, der Alltag von Rittern, Mönchen, Bauern und Kaufleuten, Annette Großbongardt, Johannes Salwedel (Hrsg), Deutsche Verlags-Anstalt, München 2014.

Das Foto dieses Beitrags entstand übrigens ziemlich aktuell beim Mittelalterfest in Bielefeld.

Neues BC-Album im Oktober

buch_toshoEine neue CD der Blues Company aus Osnabrück erscheint am 21. Oktober. So teilt es Frontman Todor Tosho Todorovic via Facebook mit. Die Platte wird „Old, New, Borrowd But Blues“ heißen und ist eine Live-Aufnahme vom Konzert am 14. Juli beim Südwestfunk.  Für Analog-Freunde wird es eine extra lange Doppel-LP geben, auf CD hat das Werk ebenfalls 80 Minuten.

Ich habe die Band erstmals in den neunziger Jahren in Vlotho erlebt (live auf dem Amtshausberg in der alten Konzertmuschel) und vor einigen Wochen nochmal im Jazz-Club Minden – grandios.  Ich freue mich auch, dass Vito (für mich einer der besten Pianisten überhaupt) immer wieder mit Tosho im Duo spielt. Ich finde, das wäre auch mal eine CD wert…

Ganz nebenbei empfehle ich an dieser Stelle Toschos Buch On the Road again, in dem er die ersten 30 Bandjahre beschreibt und vor allem einen Blick hinter die Kulissen des Band-Alltags darstellt. Das BoD-Buch ist fast tagebuchartig aufgebaut und hat viele Fotos. Außerdem sind die Platten und CD-Veröffentlichungen bis 2004 berücksichtigt.

Kultur-TV nicht verloren

Das ist ja ziemlich beruhigend: Gestern beim Schwimmen habe ich (zufällig) zwei Frauen mittleren Alters belauschen müssen. Die eine: „Du sag mal, beim Theaterprogramm gibt es einige schöne Termine. Ich müsste mal wieder ins Theater.“ Die andere: „Eigentlich eine gute Idee. Aber ich gehe nicht ins Theater.“ Die eine: „Ach so, du gehst nicht ins Theater. Ich meine: so gar nicht?“ Die andere: „Doch, ich gucke mir im Fernsehen ab und zu die Kultursender an. Da läuft ja auch so einiges.“

Und dann zogen sie weiter ihre Bahnen. Wortlos.

Nicht nur über FB meckern

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Bei einem Termin am Freitag in Petershagen-Bierde habe ich Pflanzen mit gelben Blüten aufgenommen – eigentlich schon, um sie dann hier in mein familienfreundliches Blog zu stellen. Bei Betrachtung packte mich diesmal die Neugierde: Ich wollte wissen, wie die eigentümlichen Gewächse heißen. Und nun – was macht der gemeine Reporter? Er recherchiert oder – fragt Facebook. Sagt mal, wie heißt diese Pflanze? Dass dann viele Antworten kamen, hat mich schon gefreut (die ersten schon nach sieben Minuten). Also: es handelt sich um „Rainfarn“. Auch der sei mit Vorsicht zu genießen – es gebe ihn giftig.

Was ich aber besonders interessant fand, war die Tatsache, dass diese Pflanzen vor einigen Jahren im Münsterland (so die Info) als Franzosenknöpfe bezeichnet wurden. Möglicherweise ein Hinweis auf alte Uniformen oder gar die Befreiungskriege? Wer weiß? Irgendwie passt hier wieder vieles zusammen.

Neues zur Gedenktafel

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Weil es so spannend war und ich Geschichten gerne zuende erzähle: Die Ehrentafel, die über Jahrzehnte als Lukentür auf einem Dachboden in Schlüsselburg diente, ist ja mittlerweile in die Kirche zurückgekehrt. Nach meinem ersten Bericht im MT meldete  sich Dr. Dirk Ziesing, Historiker aus Bochum. Er schreibe gerade an einem Buch zum Thema – dieses Buch ist mittlerweile veröffentlicht und im Handel erhältlich. „Die derzeitige Tafel-Situation ist von Ort zu Ort höchst unterschiedlich:  In einigen Kirchen hängen noch – vorbildlich – alle Tafeln zum Gedenken an die Gefallenen, also auch die der späteren Kriege, als Ensemble beisammen. Manchmal sind die Tafeln ausgelagert, aber noch zugänglich.“ Ab und zu treffe auch der „worst case“ zu:  „Dann liegen die Tafeln irgendwo auf Dachböden oder in Kellern und verrotten allmählich. Einige wurden auch zersägt, aber immerhin sind die Reste noch da.“

Speziell zur Tafel in Schlüsselburg war zu erfahren:  „Dort war – offiziell – nur ein Gefallener zu verzeichnen, der Unteroffizier Jobst Heinrich Becker, geboren 1792. Für ihn wurde 1816 weisungsgemäß eine Gedenktafel angefertigt und aufgehängt. Diese Tafel existiert leider nicht mehr, Beckers Name steht aber an erster Stelle auf der vorhandenen Tafel.“  Von der wisse man sogar, dass sie in Stolzenau angefertigt wurde.  Das gehe aus der umfangreichen Akte hervor, die im Landesarchiv Münster zu dieser Tafel vorhanden ist.  Darauf standen nach Ziesings Angaben ursprünglich 36 Namen von Veteranen, die 1815 nach Hause zurückkehren konnten, zum Teil verwundet, aber immerhin am Leben.  Conrad Koch, ebenfalls Uffz, muss besonders erwähnt werden, da er direkt mit einem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde.

Wilhelm Piel oder Piele, laut Ziesing noch ein Uffz, war der Wortführer seiner Kameraden, die es gegen den Willen des Bürgermeisters  geschafft hatten, dass diese Tafel angebracht wurde. Auch er erhielt ein Eisernes Kreuz, aber nachträglich. Conrad Koch, auch Unteroffizier,  muss laut Ziesing besonders erwähnt werden, da er direkt mit einem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde.

Besonderheit der Tafel (wie mehrfach im MT erwähnt) ist die doppelte Beschriftung. Dazu Ziesing im Gespräch mit mir: „1855 entschloss man sich, anlässlich des 40. Jahrestages der Schlachten bei Ligny und Waterloo, die Tafel aufzufrischen. In der Neufassung wurde die Reihenfolge der Namen dem Alphabet entsprechend geändert. Becker wäre aber wohl an der erster Stelle geblieben, auch wenn die Buchstaben dagegen gesprochen hätten. Alle anderen Kreuze bezeichnen Veteranen, die bis 1855 gestorben waren.“ Die Tafel bekam außerdem noch ein Update verpasst:  es kamen noch drei Namen dazu.


Das obige Foto zeigt die Restauratorin Ludmilla Henseler bei Vorstellung der Tafel im Dezember 2015. Damals wurde die Tafel wieder in der Kirche zu Schlüsselburg (Petershagen) angebracht. Davor war sie über Jahrzehnte als Lukentür auf einem Heuboden im Einsatz.