Weniger ist mehr: Meine Facebook-Nutzung geht zurück.

Die Spammer, die gerade mal wieder auf Facebook unterwegs sind, spielen mit der natürlichen Eitelkeit von Nutzern und verbinden sie mit Neugierde: „Bist du das in dem Video?“ Neugierde ist bekanntlich auch ein Gebiet von Journalisten, nur eben in guten Fällen nicht so billig. Mich hat das Aufkommen schwachsinniger und leider auch gefährlicher Messenger-Mails und Postings zunehmend gestört, weshalb ich mich hier auf meine „alte“ Domain besinne. Dafür gibt es aber auch noch andere Gründe.

Zu Facebook habe ich seit 2011 ich eine Beziehung mit Höhen und Tiefen, mit schönen Bildern, mit tollen Links, mit Erinnerungen und Anregungen. Leider aber auch mit einer immer grauenhafteren Rechtschreibung, mit dämlichen Kommentaren, einer undurchschaubaren Datenpolitik und mit (hoffentlich) ungewollten Geistes-Offenbarungen von Zeitgenossen, die eben den nicht haben: Geist. Manchmal möchte ich die Leute schütteln.

Natürlich schätze ich die Erreichbarkeit. Aber eben nicht immer – ich bin kein Blaulicht-Reporter, der nachts um halb zwei mit Begeisterung brennende Häuser und Autobahnunfälle ablichtet, obwohl (wer mich kennt, weiß das) ich das ohne die erwähnte Begeisterung oft bis sehr oft gemacht habe: In 30 Jahren Lokaljournalismus hat man einiges erlebt. Und die Hinweise, das gerade ein Auto in den Fluss gefahren ist, kamen zuletzt vermehrt über Facebook.

Und dann gibt es noch diejenigen, die ihre Meinung zum just veröffentlichten Artikel im Brotmedium sofort loswerden wollen und auch sofort eine Antwort verlangen, gern auch nach 23 Uhr. Da wir in einer Zeit leben, in der das Gelaber allgemein zunimmt (jeder ist Experte für irgendwas …), steigert sich proportional auch die Zahl der Nervensägen. Ich habe Messenger und Facebook mittlerweile von meinem Tablet entfernt und denke ebenso über ein Delete auf dem Smartphone nach. Und ja, ich habe längst die Kontrolle über meine Freundesliste verloren, weil Freunde auch die Kontrolle verlieren. Benachrichtigungen ausschalten wäre eine Möglichkeit, dann verpasse ich aber auch wirklich Wichtiges. Ich teile mir die Zeit auf FB ab sofort ein, um Zeit für andere Dinge zu haben – für die Familie, für die Musik, die Literatur, im Online-Leben auch für diesen Blog.

Überzeugt hatte mich nicht zuletzt auch ein Interview, das der Politikwissenschaftler und Schriftsteller Giuliano de Empoli dem aktuellen Fluter gegeben hatte. Danach seien soziale Medien nicht entwickelt, um einen Ruhepol mitzugeben, sondern um uns dauerhaft in Unsicherheit zu wiegen. Wörtlich: „Der ideale Kunde für Facebook, Instagram oder Youtube ist ein zwanghafter Mensch, der nicht anders kann, als Hunderte male täglich die Seite aufzurufen, um sich seine kleine Ration Glückshormone zu holen, von denen er abhängig geworden ist.“ Die Frage nach der Zahl der Likes sei selbst für erwachsene Menschen entscheidend geworden.

Dabei sind Lügen ohnehin das Problem. Die seien „meist orgineller“ als die Wahrheit, antwortet de Empoli, und würden ohnehin häufiger geklickt. Also scheint es ein Trugschluss zu sein, dass sich die Wahrheit durchsetzt, vor allem deshalb nicht, da Medienkompetenz nebulös definiert werden muss, wie etwa die Bildungsexperten wissen: „Unter Medienkompetenz versteht man im Allgemeinen die Fähigkeit, Medien den eigenen Bedürfnissen und den eigenen Zwecken entsprechend zu nutzen und mit ihnen verantwortungsvoll umgehen zu können.“

Für mich galt selbst: Medienkompetenz wächst mit den Möglchkeiten. Zweimal hatte mich Facebook gesperrt. Das heißt: Ich konnte keine neuen Freunde gewinnen. Aus und vorbei! Dabei hatte ich gerade noch wie wild auf alle mir zur Verfügung stehenden „Anfragen“ geklickt und – nichts passierte. Niemand antwortete. Jeweils vier Wochen dauerte die Auszeit – und in diesen vier Wochen hatte ich erstmals wieder gemerkt, wie schön das Leben ohne Facebook sein kann.

Nein, ich hatte keine No-Go-Inhalte gepostet, keine Nackerten und nichts politisch Unkorrektes. Da ich aber offenbar die Vorschläge für Freundschaften als Anfragen gewertet hatte, wirkte sich mein ungezügeltes Verhalten auf die beschrieben unschöne Weise aus. Dieser Lehrgang endete harmlos und hilfreich.

Dass sich in diesem Feld, in dem es also immer um die persönliche Medienkompetenz gehen muss, Rechte und Populisten erfolgreich austoben können, ist allerdings – wie eingangs erwähnt – gefährlich.

Dem will ich mich nicht mehr aussetzen.

Und obwohl Facebook 2018 von Datenschutzskandalen durchgerüttelt wurde, ist die Nutzung auf Strecke gesehen gestiegen, wie ein Blick auf statista.com zeigt: Reine Nutzer (unabhängig von der Intensität der Nutzung) gab es im dritten Quartal 2020 weltweit rund 2,7 Milliarden, in Deutschland gibt es laut Hubspot 32 Millionen aktive Nutzer im Monat – unglaublich.

Reporter4u hatte ich schon 2003 registriert und die Domain immer wieder als Spielwiese benutzt. Nun benutze ich sie, um mich als Journalist vorzustellen. Im Blog soll es um Medien, Musik und mehr gehen.