Gelesen, Gehört, Gesehen

Autor: Oliver Plöger (Seite 2 von 5)

Kreativ Lügen mit Münchhausen

Dass Hieronymus als „Lügenbaron“ tituliert wurde, dürfte auch auf die Anwältin seiner zweiten Ehefrau zurückzuführen sein.

Sich am eigenen Schopf aus dem Schlamassel ziehen, raus aus dem trüben Teich, weg vom Sumpf. Das dürfte ein vielfach herbeigeflehter Wunsch sein. Mit Wünschen aber ist das bekanntlich so eine Sache: Sie gehen nicht mit hundertprozentiger Sicherheit in Erfüllung. Und wenn man es unbedingt wünscht (vielleicht aus der Erzählperspektive des eigenen Lebens) legen manche sich die Wahrheit zurecht. Wobei der gute alte Münchhausen viel kreativer war als so manch platter Politiker heute – und da muss ich nicht einmal über den Teich blicken.

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Marsch verschluckt Mensch

In Kyas Welt ist alles aus einem Guss, eigentlich dürfte diese Idylle doch niemand stören – aber eigentlich ist nicht das Leben und auch kein Roman.

Eine verkorkste Kindheit kann dir das ganze Leben versauen. Klar – sie ist zuweilen die Erklärung für alles Schlechte, für alles, was da kommt, vor allem, wenn es nicht nach Recht und Gesetz geht. Der Mensch mag einfache Muster – und die werden etwa für das Marschmädchen, das um diese Muster weiß, zum lebensbedrohlichen Verhängnis. Delia Owens hat die Geschichte von Catherine Danielle Clark, genannt Kya, in ihrem Debutroman Der Gesang der Flusskrebse aufgeschrieben. Das Buch spielt vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Und es spielt in der Marsch nahe der fiktiven Stadt Barkley Cove in North Carolina.

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Abseits in der Welt der Abseitigen

Was Helfer weiß, weiß sie vor allem durch ihre Tante Käthe.

Maria und Josef Moosbrugger sind ein schönes Paar. Doch Schönheit ist äußerlich, sie kann die Wirklichkeit überblenden. Und manchen erscheint sie fremdartig, vielleicht macht sie ihnen auch Angst. Die Moosbruggers leben mit ihren vier Kindern am Rand eines österreichischen Bergdorfs und damit abseits in der Welt der Abseitigen. Monika Helfer erzählt die eigene Geschichte in ihrem Roman Die Bagage.

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Für immer Herbert – und ich

Olgas Liebe zu einem, der vor sich selbst flüchtet und sein  Heil in unbekannten Welten sucht, ist nur die äußere Handlung.

Es kann durchaus sein, dass ich schon einmal über Herbert gelesen habe. Vielleicht 2008 in einem Spiegel-Artikel, in dem es um eine „Harakiri-Expedition“ in die Antarktis ging. Ein Thema, das mich grundsätzlich interessiert, befeuert spätestens durch Christoph Ransmayrs  Die Schrecken des Eises und der Finsternis. Und auch zu Herbert gibt es zahlreiche Artikel, zu jenem Herbert also, der im echten Leben Herbert Schröder-Stranz hieß und seit 1912 als verschollen gilt. Jetzt setzt ihm Bernhard Schlink eine Art Denkmal. Im Roman Olga, der mir – ungekürzt und ausdruckstark gelesen von Burkhart Klaußner – sehr gut gefallen hat.

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Eine der schönsten Liebesgeschichten, die je aufgeschrieben wurden

Da erzählt einer ohne jedes Abgehoben-Sein über lebenslange Liebe, über Sexualität im Alter, über Zweisamkeiten, die sich verändern, sich anpassen, sich abstoßen, sich verbinden.

Amor hat Florentino Ariza mitten ins Herz getroffen. Und die entfachte Liebe ist nicht flüchtig, sie währt ein ganzes Leben lang. Die Liebe in den Zeiten der Cholera von Gabriel José García Márquez ist eine der schönsten Liebesgeschichten, die es in der Literatur gibt. Und mir gefällt, dass der Roman phantastisch endet.

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Die Vulkan-Riesen in Pompeji

Wenn der Baumeister gemeuchelt wird, kann ein Nachfolger nur noch kitten, er kann nicht mehr retten.

Wie nur wenige verknüpft Robert Harris historische Fakten mit Fiktion. Das macht er in Vaterland so gut, dass man ihm abnimmt, Hitler habe  1945 überlebt, die Nazis seien  weiter an der Macht und hätten  das politische Leben im Deutschland der fünfziger Jahre im Zangengriff . Was zunächst übertrieben und hanebüchen klingt, funktioniert innerhalb der Geschichte ungemein gut. Bei Pompeji ist das genauso.

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Mankells afrikanische Anfänge

Ich finde es gut, dass Zsolnay den Roman nach Mankells Tod noch herausgegeben hat.

Es gab einen Mankell vor Wallander, es gab einen Mankell vor den Afrika-Romanen, die wir kennen. Es gibt ein Frühwerk – und wer Henning Mankell kennt, erkennt schnell, dass Der Sandmaler zum Frühwerk gehört. Nicht weil der Roman schlecht wäre – aber doch irgendwie anders.

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Die glücklosen Leben irgendwo in Österreich

Das wirklich Leben kann nur enttäuschen, weshalb Maren beginnt, ihren eigenen Lebensroman zu spinnen.

Interessant wird ein Leben ja erst dann, wenn es die gerade Bahn verlässt und die erwarteten Muster. Oder, wie es Eva Schmidt in Die untalentierte Lügnerin vermittelt, gar nicht erst in diese Muster passen will. Dass es Konflikte gibt (nicht nur mit sich selbst), ist logisch, hier insbesondere mit der Mutter und ihren durchaus überkommenen und verlogenen Wertvorstellungen.

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Die Trutzburg der Bekloppten

Das mediale Dilemma bleibt. „Wenn ihr gegen etwas geifert, dann weiß man, dass sich die Sache lohnt“, sagt Künstler Krathmann.

Satire ist heilsam. Leider aber werden diejenigen, die auf neue oder alte Nazis hereinfallen, diesen Roman kaum lesen. Oder sie werden glauben: Das bin ich nicht, das kann mir nicht geschehen. Um der Erkenntnis willen ist Zornfried von Jörg-Uwe Albig aber unbedingt lesenswert. Nicht nur für Journalisten.

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November 1918: Döblin war doch kein Leseprojekt

„Sie spielten um den stumpfen, schweren Block, der Ebert hieß, und stießen gegen die Helmspitze des Großen Generalstabs.“

Von Leseprojekten spreche ich meist im Zusammenhang mit einem einzigen Buch. Thomas Manns Zauberberg war für mich ein Leseprojekt. Ich habe das eine oder andere Kapitel gelesen, das Buch beiseitegelegt und mich anderen Texten gewidmet. Nicht, weil ich die Geschichte von Hans Castorp langweilig fand, sondern weil ich mich festgebissen hatte, manchmal auch zu sehr, weil ich Abstand brauchte. Genau so ging es mir auch mit Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin, der mich mehrere Jahre beschäftigt hat.  Und ich bin fest davon ausgegangen, dass auch (um bei Döblin zu bleiben)   November 1918 ein solches Kaliber wird.  Da hatte ich mich aber getäuscht.

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