Leben mit Literatur

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Das Lächeln währt nicht ewig: Wallander ist wieder da

Der Roman führt in höchste Kreise.

Wer sich in der Nähe des lächelnden Mannes aufhält, lebt gefährlich. Diese Personen könnten die Fassade einreißen, mit der er seine Verbrechen schützt. Und die sind wirklich übelster Art, denn im vierten Wallander-Roman von Henning Mankell geht es um Organhandel: Reiche lassen Arme töten, weil sie ihre Nieren wollen. Der Mann, der lächelte zeichnet überdies das Psychogramm des Ermittlers. Denn der will kein Polizist mehr sein.

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Maria Stuart und der nachhaltig inszenierte Tod

Zweig ist kein Richter. Das Richten überlässt er dem Publikum.

Stefan Zweig kann in besinnlichen Stunden durchaus gruseln, zumal ich in der Biographie-Literatur keine Exekutionsszene kenne, die so authentisch beschrieben wird wie in Maria Stuart. Sein Text über die schottische Königin gehört im deutschsprachigen Raum noch immer zu den maßgeblichen Werken des Genres und liest sich teilweise wie ein Roman, der auf die auch von der Delinquentin inszenierte Tötung hinausläuft.

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Werner Herzogs Erinnerungen – ein Buch wie hundert Filme

Sein Drehbuch ist das Leben, das Leben,  wie es ihm geschieht. Und das dann ein schlüssiges Typbild ergibt.

Viele Geschichten kenne ich, weil mich Werner Herzog grundsätzlich interessiert. Fitzcarraldo fand ich sehr beeindruckend: Ein Schiff wird im Dschungel von Fluss zu Fluss über den Berg getragen. Getragen wird der Film natürlich von Klaus Kinski, der in fünf Herzog-Kinski-Produktionen vielleicht seine größte Leistung abliefert, was möglicherweise mit den Strapazen aus seiner (und immer wieder seiner) Sicht zusammenhing, die er selbst erleiden musste, viel mehr aber noch diejenigen, die mit ihm zusammengearbeitet haben oder das mussten. Herzog selbst ist immer wieder Ziel. Und eben in Fitzcarraldo Produktionschef Walter Saxer, der für den „Schweinefraß“ verantwortlich war. Am Ende boten die Indianer, mit denen Herzog drehte, die Ermordung des Tyrannen an.

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Ein neues Buch über den Künstler, der Schafe im Nebel malte

Für Arfst Wagner steht fest: Schritt für Schritt habe Mennicke das gegenständliche Motiv aufgelöst, sein Ziel: das Wesentliche herausarbeiten.

Es war dieser „verrückte Maler“, der den 16-jährigen Arfst Wagner faszinierte. Der Mann, der Schafe im Nebel malte. So jedenfalls sprachen die anderen Jugendlichen in Wyk auf Föhr über Gustav, der in einem kleinen Wäldchen wohnte. Beim Blick aus Goting sah man den Schornstein.

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Der Hundertjährige, der ein Ritchie Boy war

Aus Günther wurde Guy, weil eine Klassenkameradin den alten Namen als Zungenbrecher abtat.

Er dürfte einer der letzten Ritchie Boys sein, einer jener jungen jüdischen Männer aus Deutschland, die im Camp Ritchie in Maryland ausgebildet wurden, um Kriegsgefangene zu verhören: Guy Stern, geboren am 14. Januar 1922 als Günther Stern in Hildesheim, aufgewachsen dort und in Vlotho, dann – weil die Nazis immer bedrohlicher wurden – emigriert in die USA. Seine Familie sah er nie wieder, alle wurden ermordet.

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Fast nie ohne Afrika – Henning Mankell, die Dritte

Mit den Rassisten beginnt Kolonisation, so beginnt Unrecht, so beginnt das Töten.

Über Henning Mankell lässt sich kaum ohne Afrika schreiben – und das gilt schon fürs Frühwerk. Klar, dass auch sein Protagonist Kurt Wallander mit dieser „anderen in der einen Welt“ konfrontiert wird. Hier in Die weiße Löwin, dem dritten Roman der Reihe, den ich nach gut 20 Jahren wiedergelesen habe. Wallanders Bücher sind immer auch Geschichtsbücher, diesmal führt er per Prolog in die Geschichte vom Broederbond ein.

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Die Welt steht bekanntlich nicht mehr lang

So zauberhaft das Stück daherkommt, so ganz ohne Zauber ist die Wirklichkeit. Mit dem Witz einer Komödie wird das alles erträglicher.

Gerade habe ich wieder ein wunderbares Beispiel dafür entdeckt, wie gut Johann Nestroy in unsere Zeit passt: Das Landestheater Linz hatte Der böse Geist Lumpazivagabundus aufgeführt, irgendeiner hatte es irgendwo ins Netz gestellt – und ich habe Tränen gelacht. Eine schöne Aufführung mit trashig-kitschigen Geistdarstellungen, ein wenig moderner Polizei, schrägem Gesang. Also: Das alles ist Anlass genug, sich die wunderbare Zauberposse mit Gesang in drei Akten nochmal als Reclam-Ausgabe zu Gemüte zu führen. Es lohnt sich.

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Bodenwerder, der Lügenbaron und Erich Kästner

Junge Männer prahlen bekanntlich gern, um sich und anderen zu gefallen, was Münchhausen offenbar nervte. Motto: Da setze ich noch einen drauf.

Nach einem Besuch in Bodenwerder war klar: Ich muss mich nochmal um den Lügenbaron kümmern. Im örtlichen Münchhausen-Museum erwarb ich die wunderbare Ausgabe von Erich Kästner (1899 bis 1974), der Münchhausen für kleine und große Leute aufbereitet hat. Die Geschichten wirken noch immer frisch und witzig – ich habe sie an einem Abend gelesen. Der Züricher Atrium-Verlag hatte wenig an den bekannten Aufmachungen mit den wunderbaren Zeichnungen von Walter Trier (1890 bis 1951) geändert. Die Neuausgabe von Münchhausen erschien 2020, die Erstausgabe 1951.

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Verlorene Jahre und das Gegenteil von Zwietracht

Der Text selbst ist ein befreiender Aufbruch nach dem Blick in den Abgrund, er beschreibt, wie Amerika eigentlich sein sollte und sein könnte.

Eines der speziellen Literaturthemen ist die Übersetzung von Lyrik. Die Diskussion, die etwa beim Deutschlandfunk dokumentiert wurde, ob weiße Menschen die Texte von schwarzen Menschen übersetzen dürfen, ist reichlich dumm. Wer meint, einen Text in eine andere Sprache übertragen zu müssen, sollte sich keinesfalls davon abhalten lassen: Übersetzungen weiten bekanntlich die Welt. Und das gilt auch für Amanda Gormans The Hill we climb.

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