Gelesen, Gehört, Gesehen

Kategorie: Gelesen

Der Hundertjährige, der ein Ritchie Boy war

Aus Günther wurde Guy, weil eine Klassenkameradin den alten Namen als Zungenbrecher abtat.

Er dürfte einer der letzten Ritchie Boys sein, einer jener jungen jüdischen Männer aus Deutschland, die im Camp Ritchie in Maryland ausgebildet wurden, um Kriegsgefangene zu verhören: Guy Stern, geboren am 14. Januar 1922 als Günther Stern in Hildesheim, aufgewachsen dort und in Vlotho, dann – weil die Nazis immer bedrohlicher wurden – emigriert in die USA. Seine Familie sah er nie wieder, alle wurden ermordet.

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Verlorene Jahre und das Gegenteil von Zwietracht

Der Text selbst ist ein befreiender Aufbruch nach dem Blick in den Abgrund, er beschreibt, wie Amerika eigentlich sein sollte und sein könnte.

Eines der speziellen Literaturthemen ist die Übersetzung von Lyrik. Die Diskussion, die etwa beim Deutschlandfunk dokumentiert wurde, ob weiße Menschen die Texte von schwarzen Menschen übersetzen dürfen, ist reichlich dumm. Wer meint, einen Text in eine andere Sprache übertragen zu müssen, sollte sich keinesfalls davon abhalten lassen: Übersetzungen weiten bekanntlich die Welt. Und das gilt auch für Amanda Gormans The Hill we climb.

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Die Trutzburg der Bekloppten

Das mediale Dilemma bleibt. „Wenn ihr gegen etwas geifert, dann weiß man, dass sich die Sache lohnt“, sagt Künstler Krathmann.

Satire ist heilsam. Leider aber werden diejenigen, die auf neue oder alte Nazis hereinfallen, diesen Roman kaum lesen. Oder sie werden glauben: Das bin ich nicht, das kann mir nicht geschehen. Um der Erkenntnis willen ist Zornfried von Jörg-Uwe Albig aber unbedingt lesenswert. Nicht nur für Journalisten.

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Die letzten Fragen der Menschheit

Und dann „begann die Droge zu wirken und rollte und rollte durch ihn hindurch wie sich übereinandertürmende Wellen an einem endlosen Strand.

Literatur schenkt Erfahrungen. Sie sorgt im besten Fall für einen Rausch. Dann sogar ohne die ungesunden Konsequenzen, die eine substanzielle Einnahme im wirklichen Leben mit sich bringt. Tragisch dabei ist es, dass ausgerechnet diejenigen, die uns diesen fiktiven Rausch ermöglichen, unter der künstlich heraufbeschworenen Bewusstseinserweiterung gelitten haben oder leiden wollten. Edgar Allan Poe und sein Laudanum – in Wein gelöstes Opium – ist ein Beispiel von vielen. Näher liegt manchen vielleicht noch Georg Trakl, der als Apotheker leichten Zugang zu Morphinen hatte. Auch T.C. Boyle kennt sich mit synthetischen Drogen aus, weshalb ein Roman wie Das Licht so unglaublich in die Tiefe geht.

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Warum der Mensch an sich selbst scheitert

Auch im Mikrounivesum wird geliebt – und es brechen Kriege aus.

Wenn du glaubst, es geht nicht mehr schlimmer, kommt irgendeine neue Reality-Sow. Die Terranauten von T.C. Boyle greift dieses mittlerweile leidige Thema auf. Du kannst Menschen isolieren und das als Show verkaufen: Big Brother hat das auf erbärmliche Weise versucht und versucht das wohl noch immer, beim Dschungelcamp stellen sich durchaus gebildete Menschen die Frage, wer denn wohl als nächstes drin ist. Jetzt stelle man sich vor, die Show bekommt einen scheinbar wissenschaftlichen Hintergrund, nicht psychologisierend, was man machen könnte, dafür aber als Art naturwissenschaftliches Exempel.

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Die Schrecken des Krieges und der Finsternis

Und vielleicht ist es ja wirklich so, dass dieser Krieg die Hauptfigur ist, dass Tyll nur die Handlung zusammenhält, weil er in allen Gesellschaften überall agieren kann.

Was sind schon 200 Jahre? Die Idee eines Gauklers kennt keine Zeit. Sie betrachtet die Schrecken des Krieges und der Finsternis. Immer. Es hat diese Schrecken im 14. Jahrhundert gegeben, als Tyll erstmals auftrat, erst recht im Dreißgjährigen Krieg. Daniel Kehlmann hat dazu einen Roman geschrieben, der sich mit der schonungslosen Wahrheit auseinandersetzt.

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Ein Leben ohne Bienen ist nicht möglich

Das Buch habe ich natürlich als Plädoyer für den Erhalt der Natur gelesen, darüber hinaus als faszinierende Beschreibung menschlicher Schicksale, die genau damit verknüpft sind.

Es gibt dieses eine Zitat, das mich die ganze Lektüre von Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde hindurch begleitet hat. Dabei ist gar nicht klar, ob es von Albert Einstein stammt – was in der Konsequenz des Gesagten auch kaum eine Rolle spielt, höchstens die Auffassung verstärken kann, dass der Urheber, der ja das ganze Universum erklärt, einfach recht haben muss: „Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen mehr.“

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Kunst in der Diktatur: Anbiedern oder aufstehen?

Das Buch ist eine Offenlegung dessen, wie eine Diktatur mit ihren Künstlern umgeht, sie manipuliert, ihre Gehirne wäscht, sie zu Denunzianten macht.

Ich mag schon den deutschen Titel:  Der Lärm der Zeit. Man könnte ihn auch als „Der Lärm derzeit“ lesen, und das stimmt ja auch: Das Buch von Julian Barnes erscheint zur richtigen Zeit. Dabei geht es um Diktaturen und den schmerzhaften Opportunismus von Künstlern.

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Irgendwann sind dir auch die Uhren egal

Uhren gibt es nicht mehr ist ein Geschichtsbuch, sagt aber auch viel über das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn aus.

Sie will nur noch das Nötigste reden. Das Schweigen, so sagt sie, bringe für gewöhnlich einen höheren Genuss. Über einhundert Jahre ist Elisabeth Heller alt, als sie ihrem Sohn André ein langes Interview gibt und somit doch nicht schweigt. Zum Glück. Das daraus entstandene Buch sollten junge und jüngere und Junggebliebene unbedingt lesen, alle anderen auch. Uhren gibt es nicht mehr von André Heller ist voller Weisheit und Geschichte.

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Durch die Nebelfetzen blitzt das Leben

Das Leben wird reich, wenn man hinter die Fassade blickt.

Die Sprache ist einfach, dabei nicht billig und Klischees bedienend. Sie macht das zugeschneite EIGENTLICH noch einmal auf eine Weise deutlich, die neue Erkenntnisse bringt oder Erkenntnisse, die verschüttet waren, wieder an die Oberfläche holt. Das Leben ist eine Reise mit allzu viel Gepäck. Vieles braucht es gar nicht, wie Robert Seethaler in Ein ganzes Leben beschreibt, manche Last aber ist da und bleibt. Und du musst Wege finden, damit umzugehen. Ich habe die Geschichte um Andreas Egger mit großem Vergnügen gelesen.

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