Der Roman führt in höchste Kreise.

Wer sich in der Nähe des lächelnden Mannes aufhält, lebt gefährlich. Diese Personen könnten die Fassade einreißen, mit der er seine Verbrechen schützt. Und die sind wirklich übelster Art, denn im vierten Wallander-Roman von Henning Mankell geht es um Organhandel: Reiche lassen Arme töten, weil sie ihre Nieren wollen. Der Mann, der lächelte zeichnet überdies das Psychogramm des Ermittlers. Denn der will kein Polizist mehr sein.

Er hat einfach schon zu viel erlebt, zuletzt sogar einen Menschen getötet: Kurt Wallander will weg vom Job und in die Einsamkeit. Dass ihn das Böse durch den Kontakt eines alten Bekannten einholt, ahnen Leser schnell. Dessen Vater – Anwalt von Alfred Harderberg von Schloss Farnholm – sei bei einer Fahrt vom Schloss nach Hause auf seltsame Weise und bestimmt nicht durch einen Selbstmord ums Leben gekommen. „Ich kann dir nicht helfen“, sagte Wallander.

Und im Kommissariat in Ystad war bereits der Abschied organisiert. Wallander sollte gehen – doch als dann auch der Sohn des Anwalts umgebracht wird, verändert sich alles. Wallander übernimmt die Ermittlungen. Die führen ihn aufs Schloss, lassen ihn Kurt Ström wiedertreffen, der hier Wachmann ist und früher selbst Polizist war, führen ihn weiter zum Säufer und Freund Sten Widén aus Mörder ohne Gesicht und lassen ihn die Sekretärin der getöteten Anwälte retten, die durch eine im Garten vergrabene Mine sterben sollte. Das alles ist natürlich wieder mal eine raffiniert konstruierte Kriminalgeschichte, die bei Mankell ihre Spannung vor allem durch die Beziehungen der handelnden und auch nicht handelnden Personen bekommt.

Immer geht es auch um Wallander selbst, die gescheiterte Ehe, Tochter Linda, die er viel zu selten sieht, den Vater, den er viel zu selten sieht, Baipa aus Hunde von Riga, die er viel zu selten sieht, die Opernmusik, die er viel zu selten hört: Das schlechte Gewissen ist immer da, lässt Wallander so wenig los wie der Fall, mit dem er sich gerade beschäftigt. Wallander hört nicht auf die Signale, die ihm sein Körper setzt, lebt nach dem kurzen Ausflug in die Freiheit am Strand dann doch wieder ungesund, hat dieses unglaubliche Gerechtigkeitsgefühl, das ihn zuweilen über die gesetzten Grenzen der Polizeiarbeit springen lässt.

Wahrscheinlich kann man dem Bösen, wie es Alfred Harderberg hier repräsentiert, in Wallanders Welt auch nur so beikommen. Für den Mogul, der vor allem die Fassade wahrt, zählen ausschließlich Geschäfte, nicht die Menschen in Afrika (da haben wir wieder Mankells Lieblingsthema), die er im Auftrag seiner Geldgeber töten lässt.

Im Roman hat man mehr als einmal das Gefühl, dass sich der Mensch Kurt Wallander im Tiefsten überhaupt nicht wichtig nimmt, dabei wahrscheinlich von außen so wirkt, als nehme er auch seine engsten Vertrauten nicht wichtig (vielleicht nur den toten Kollegen, der ihm Vorbild war). Letzteres aber stimmt natürlich nicht. Er schützt die junge Ann-Britt Höglund (ohne Hintergedanken) und nimmt sie bewusst nicht mit ins Feuer: Du bleibst vor dem Schloss. Und er denkt – auch wenn er sich eine gemeinsame Zukunft nicht vorstellen kann oder will – laufend an Baipa im fernen und kalten Riga, die im Roman ein Cliffhänger ist.

Es ist – wie immer bei Wallander – die kühle und abgeklärte Sprache, die mich beeindruckt, nah am Reportagestil: „Es war am 11. Oktober 1993, neun Uhr abends.“ Hier stört mich auch überhaupt nicht der traditionell wirkende Schluss des Romans, den ich in dieser Form aus Edgar-Wallace-Filmen kenne, natürlich von nahezu allen Agatha-Christie-Romanen und von James Bond, ein Krimimuster eben: Der Ermittler sitzt im geschlossenen Raum, der siegessichere Bösewicht gesteht alles Übel und muss um seinen Tod fürchten, was Wallander – wie gesagt – nicht zur Ohnmacht führt. Er kann noch handeln, er ist ja nicht so wichtig.

Der Mann, der lächelte, ist 2001 bei Zsolnay erschienen, übersetzt aus dem Schwedischen hat ihn Erik Großmann