Aus Günther wurde Guy, weil eine Klassenkameradin den alten Namen als Zungenbrecher abtat.

Er dürfte einer der letzten Ritchie Boys sein, einer jener jungen jüdischen Männer aus Deutschland, die im Camp Ritchie in Maryland ausgebildet wurden, um Kriegsgefangene zu verhören: Guy Stern, geboren am 14. Januar 1922 als Günther Stern in Hildesheim, aufgewachsen dort und in Vlotho, dann – weil die Nazis immer bedrohlicher wurden – emigriert in die USA. Seine Familie sah er nie wieder, alle wurden ermordet.

Die Geschichte seines atemberaubenden Lebens hat Stern, der heute in Detroit lebt, immer wieder erzählt, hat in öffentlichen Lesungen (eine habe ich 2016 in Petershagen erleben dürfen) aus seinen Manuskripten vorgelesen, hat Bilder gezeigt. Über Hildesheim hat er berichtet, über frühe Freunde, von denen einige später Feinde waren, über Vlotho, dem Geburtsort seiner Mutter. Jetzt zum hundertsten Geburtstag ist im Aufbau-Verlag seine Autobiografie erschienen: Wir sind nur noch wenige. Erinnerungen eines hundertjährigen Ritchie Boys.

Stern schreibt keinen Roman, er schreibt Geschichte, ist immer mittendrin, kein Satz ist erfunden, keine Begegnung fiktiv: mit Thomas Mann und dessen Tochter Erika, mit der Brecht-Sängerin Lotte Lenya oder mit der „lebenden Legende“ Marlene Dietrich. Und überhaupt prägen Begegnungen, oft zufällige, dieses lange Leben, nicht nur mit Berühmtheiten.

Immer boshafter traten die Nazis auf, ein uniformierter SS-Mann schlug den Vater zusammen, der in Hildesheim nur über die Straße gegangen war und einen Brief in den Briefkasten einwerfen wollte. Ein Polizist half ihm nach Hause, sagte dann, er werde nach Erstattung der Anzeige „selbstverständlich aussagen“, befinde sich aber gerade in einer „finanziellen Notlage“ und bat den Vater um Geld. Tage später kamen die Nazischergen in die Wohnung: „Ihr jüdischen Schweine habt Anklage gegen einen meiner Männer erhoben.“ Der mit Nachdruck erhobenen Forderung, diese Anzeige zurückziehen, folgt die Mutter nicht. Und „zum ersten Mal in unserem Leben sahen wir unseren Vater, der normalerweise nicht aus der Ruhe zu bringen war, hemmungslos weinen“, schreibt Guy Stern in seinen Erinnerungen: „Meine Eltern wussten, dass die Zeit zum Handeln gekommen war. Lange hatten sie nicht wahrhaben wollen, wie ernst die Lage war.“

Eine Organisation aus St. Louis sorgte 1937 für die Ausreise: 1.000 Kinder wollten sie herüberholen, 1.200 wurden es – Günther war dabei und lebte fortan bei seinem Onkel. Der „Übermut eines Jugendlichen“ ließ ihn die seltenen Kontakte zu seiner Familie ertragen, sagte er mal zu mir. Und im Buch klingt das so: „Als ich mich von meinen Eltern, meinem Bruder und meiner Schwester verabschiedete, dachte ich, dass wir bald wieder vereint sein würden, und das milderte die Trauer über den Abschied. Ich sah niemanden aus meiner Familie je wieder.“

Unterdessen wurde Günther Stern in den Staaten zu einem „gesunden, unbefangenen amerikanischen Jugendlichen.“ Aus Günther wurde Guy, weil eine Klassenkameradin den alten Namen als Zungenbrecher abtat: „Der Name blieb in der Schule an mir haften“, schreibt er, auch als er sich freiwillig zum Kriegsdienst meldete: „Ich behielt ihn bei, als ich während der militärischen Grundausbildung in Camp Berkley, Texas, US-Bürger wurde. Die Leute sagen, dass er irgendwie zu mir passt, vor allem in Kombination mit meinem einsilbigen Nachnamen.“

Ganz andere Namen sollte er als Ritchie Boy in der Normandie führen: Da wurde er zu Kommissar Krukow, weil die Deutschen eine „Scheißangst vor den Russen“ hatten: „Von den Sowjets gefangen genommen zu werden und in eines ihrer Gefangenenlager geschickt zu werden, vielleicht eins in Sibirien – das halten sie für ein schlimmeres Schicksal als den Tod.“ Binnen weniger Sekunden berichtete der Gefangene alles, was er über die Industrieanlagen in seiner Heimatstadt wusste. Es hatte funktioniert: Ritchie Boys wussten nur zu gut, wie die Deutschen ticken.

Und danach? Mit den Erfahrungen aus Deutschland war es für Guy Stern nicht leicht: „Mein eigener Instinkt, eine Laufbahn auf dem Gebiet der Germanistik einzuschlagen, würde unweigerlich meine deutsche Vergangenheit – und sehr tiefe alte Wunden – wieder aufreißen.“ Stern wurde Literaturprofessor, der sich besonders mit der Exilliteratur einen Namen machte. Seine „anfängliche Abneigung gegen alles Deutsche“ sei abgelöst worden durch die Erkenntnis, dass es kurzsichtig sei, ein Pauschalurteil über ein Volk zu fällen. So erfolgreich er im Beruf, so traurig seine erste Ehe. Margith und er wollten Kinder, doch sie erlitt Fehlgeburten, ein Baby starb nach drei Tagen. Auch Mark, der Adoptivsohn, lebt nicht mehr, für Stern nach wie vor ein Trauma.

Dann die Liebe zu Judy, 20 Jahre jünger als er, ganz anders gestrickt als Margith, aber – es funktionierte. „Ich glaube, es war ihr verhasst, eine festgesetzte Zeit einzuhalten. Einmal versäumte sie sogar einen Flug. Das kollidierte mit meiner preußischen Pünktlichkeit.“ Judy starb 2003 an Brustkrebs.

Und nein, eigentlich wollte Guy Stern nie wieder heiraten. Schließlich, bei einem seiner vielen Aufenthalte in Deutschland, traf er Susanna Piontek. „Seit dem ersten Abend in Minden, als mir auffiel, wie klug, witzig, süß und kreativ sie war, hat sie sich nicht verändert. Was ich damals noch nicht wusste, ist, wie liebevoll, fürsorglich und hochsensibel sie ist“, heißt es in den Erinnerungen – was für eine Liebeserklärung. Und Liebe hat logische Folgen: Susanne Piontek, selbst Schriftstellerin, hat sein Buch übersetzt.

Aber noch eine andere Liebe lässt ihn nicht los und könnte Lesende überraschen: Doch die Oberen in den USA waren ihm in den vergangenen Jahren suspekt geworden: „Das autokratische Gehabe der Regierung ließ in mir alte Ängste aus der Nazizeit hochkommen.“ Sein Einbürgerungsantrag wurde bewilligt. Stern hat einen deutschen Pass. „Ich bin“, so schließt dieser Jahrhundertmensch sein lesenswertes Buch, „ohne mich von den Vereinigten Staaten abzuwenden, in Deutschland wieder angekommen.“

Wir sind nur noch wenige. Erinnerungen eines hundertjährigen Ritchie Boys ist 2022 im Aufbau-Verlag erschienen.