So zauberhaft das Stück daherkommt, so ganz ohne Zauber ist die Wirklichkeit. Mit dem Witz einer Komödie wird das alles erträglicher.

Gerade habe ich wieder ein wunderbares Beispiel dafür entdeckt, wie gut Johann Nestroy in unsere Zeit passt: Das Landestheater Linz hatte Der böse Geist Lumpazivagabundus aufgeführt, irgendeiner hatte es irgendwo ins Netz gestellt – und ich habe Tränen gelacht. Eine schöne Aufführung mit trashig-kitschigen Geistdarstellungen, ein wenig moderner Polizei, schrägem Gesang. Also: Das alles ist Anlass genug, sich die wunderbare Zauberposse mit Gesang in drei Akten nochmal als Reclam-Ausgabe zu Gemüte zu führen. Es lohnt sich.

Lumpazivagabundus macht aber auch wirklich nur Ärger: Laut der alten Magiere, die sich gerade bei Feenkönig Stellaris beschweren, verführe er die Söhne des Magiers Mystifax zur Lumperei. Stellaris ruft Glückgöttin Fortuna zu Hilfe, sie möge doch bitte dafür sorgen, dass die Söhne das soeben verjuxte Vermögen wiederbekommen. Nein, sagt die Göttin, das würde sie nicht auf Dauer bessern. Und so sieht das auch Magiersohn Hilaris, der nur durch die Hand Brillantines auf den Pfad der Tugend kommen werde. Brillantine aber ist die Tochter der Fortuna – und Lumpazi gibt sich geschlagen. Besserung durch die Liebe? Da könne er nicht mithalten, die Liebe sei stärker. Das wiederum sieht Fortuna nicht so, sie knüpft die Herausgabe von Hilaris an eine Bedingung: Drei arme Gesellen auf Erden sollen von Fortuna glücklich gemacht werden. Wenn sich wenigstens zwei läutern lassen und ein ehrbares Leben mit allen redlich bürgerlichen Normen beginnen, sei Fortunas Macht erwiesen. Wenn sie jedoch den plötzlichen Geldsegen verschleudern und ihr Glück mit Füßen treten, dann sollen Hilaris und Brillantine ein Paar werden.

So weit, so feenhaft. Die Wirklichkeit findet auf dem Boden der Tatsache und mit drei Auserwählten statt. Dabei wird schnell deutlich: Die Menschen sind auch nicht viel besser als die Götter, Kneipp (den Nestroy nach der Zensur Knieriem nannte) will eigentlich nur saufen, Leim klebt an der Liebe zu Peppi Hobelmann und Zwirn will ein lustiges Leben. Allen drei Gesellen könnte geholfen werden, Fortuna spielt ihnen den im Feenreich angekündigten Geldsegen als Lotteriegewinn zu. Köstlich die Zahlenszene im Wirtshaus, dann die Verabredung, man treffe sich in einem Jahr wieder und sehe, was aus dem Glück geworden ist.

Knieriem (was zu erwarten war) versäuft das Geld, auch Leim bleibt nicht auf dem grünen Zweig kleben. Zwirn lässt sich protzig in einer Villa bedienen, ist mit Geld ein begehrter Gatte und heiratet Peppi. Immerhin bietet er seinen Mitgesellen eine Anstellung, wenn sie denn ordentlich und fleißig wären. Doch auch Zwirn will letztlich wieder frei und auf Wanderschaft sein.

Was Nestroy schon in der Zauberreise ins Feenreich andeutet, wird mit Lumpazivagabundus endgültig zum Programm: einmal ein Lump, immer ein Lump. Der Nestroysche Pessimismus erlaubt keine Umkehr, die Welt, so heißt es im Couplet, steht auf keinen Fall mehr lang Und daran können auch die Götter nichts ändern, so richtig redlich ist nicht einmal das Glück oder eben Fortuna, worauf der Untertitel …oder das liederliche Kleeblatt hinweisen will.

Überhaupt die Sprache. Nestroy schöpft sie aus dem Alltagsleben, das hier ohnehin viel ehrlicher ist als das Theater. Und so spiegelt er die Menschen draußen, diejenigen auf der Straße also und diejenigen, die in einer Ehe gefesselt sind, weil Ehen ja ohnehin fesseln. Knieriem macht es deutlich: „Ich brauch kein Weib und kein Gwerb’“, und Peppi zieht das Fazit, das auf alle drei Gesellen passt: „Mit ihm ist nichts anzufangen. Er ist und bleibt ein Bruder Liederlich.“ Und auf „die Kometen“ hören – nein, das bringt auch nichts: „Es ist kein Ordnung mehr jetzt in die Stern‘.“

So zauberhaft das Stück daherkommt, so ganz ohne Zauber ist die Wirklichkeit. Mit dem Witz einer Komödie wird das alles erträglicher.

Johann Nestroy, Der böse Geist Lumpazivagabunds, Reclam 1965. Die Uraufführung war am 11. April 1833 im Theater an der Wien.