Mit den Rassisten beginnt Kolonisation, so beginnt Unrecht, so beginnt das Töten.

Über Henning Mankell lässt sich kaum ohne Afrika schreiben – und das gilt schon fürs Frühwerk. Klar, dass auch sein Protagonist Kurt Wallander mit dieser „anderen in der einen Welt“ konfrontiert wird. Hier in Die weiße Löwin, dem dritten Roman der Reihe, den ich nach gut 20 Jahren wiedergelesen habe. Wallanders Bücher sind immer auch Geschichtsbücher, diesmal führt er per Prolog in die Geschichte vom Broederbond ein.

Vieles macht sich im erzählten Jetzt an einer ermordeten Immobilienmaklerin fest, die im Brunnen eines einsam gelegenen Gehöfts bei Ystad gefunden wird. Mankell schickt die Leser genussvoll auf die falsche Fährte, zumal man glaubt, dass mit dem Witwer und der freikirchlichen Gemeinde, in der beide gewirkt haben, irgendetwas nicht stimmt. Das stimmt aber nicht.

In eine bessere Richtung lenken die Reste der Telefonanlage und der abgeschnittene Finger eines Schwarzen, der am Tatort gefunden wird. Die Artefakte führen zu Victor Mabasha, der für den Mord an einer südafrikanischen Persönlichkeit trainieren soll, die im Buch nur beiläufig im Prolog und ganz am Ende genannt wird, die aber (und das wird schnell klar) Nelson Mandela ist. Doch Mabasha kommt mit der arroganten Art nicht klar, mit der ihm sein Ausbilder, der ehemalige KGB-Agent Viktor Konovalenko, begegnet. Und auch der will Mabasha schon bald ersetzt wissen, schneidet ihm im Kampf den Finger ab. Mabasha kann fliehen und wird Wallander gefährlich nahe kommen.

Mittlerweile hat Konovalenko einen neuen Auftragskiller engagiert. Sikosi Tsiki soll den Politiker töten und dadurch für Unruhe im Land sorgen – und für einen Bürgerkrieg, der die Nachfahren des Broederbonds wieder an die Macht bringt.

Die zweite Erzählebene führt in die höchsten politischen Kreise. Der südafrikanische Staatsanwalt Scheepers kennt die Mordpläne, die durch die Verbindung zu Wallander im hoch spannenden Showdown vereitelt werden. Bis zuletzt glaubt man, dass es klappt, glaubt, dass Mankell das Erzählen immer weiter aus der Realität führt. Denn Mandela lebt (er lebte!)…

Der Kriminalfall ist die eine Sache, die Verknüpfung mit der südafrikanischen Geschichte die andere, die bedeutendere. Afrika darf nicht Afrika sein, es gibt immer Einflüsse von außen, die schädlich sind, vermeintlich „Wissende“, die wissen, dass die Eingeborenen ihr Land kaputt machen. Mit den Rassisten beginnt Kolonisation, so beginnt Unrecht, so das Töten.

Das Buch führt in die frühe Phase der Afrikanischen Bruderschaft, wobei mich insbesondere der Prolog erfasst und der Hass und die Jahrhundertgeschichte, der aus wenigen Worten von Henning Klopper spricht: „Afrika könnte ein Paradies ein“, sagte er. „Wenn es die Engländer nicht gäbe. Und die Eingeborenen nicht zahlreicher wären als wir sie gebrauchen können.“ Die Buren, so wird es aus dem Jahr 1928 beschrieben, wollen führend sein. Und jeder „Kaffer, der englisch spricht, wird vor ein Standgericht gestellt und wie ein Hund erschossen werden.“

Auch wenn sich der Einfluss der Bruderschaft in den siebziger Jahren „dramatisch verringerte“, wie Mankell schreibt, blieb der Widerstand. Und als die Welt über Mandelas Freilassung jubelte, hätten das viele Buren als „unsichtbar ausgestellte und unterschriebene Kriegserklärung“ gesehen. Und in den Neunzigerjahren hatte sich die Welt schon wieder verändert. Vieles bröckelte weiter aus der Fragilität heraus, vieles brach zusammen, und das alles spiegelt auch die Welt wider, in der sich der Ermittler selbst bewegt: Wieso will sein Vater plötzlich heiraten?

Spätestens im dritten Roman gehört das Ermittlerensemble zu Familie, die Martinsons, die Svedbergs, Björg, der jetzt erkrankte Vorgesetzte. Dann Wallander selbst, dessen Wohnung ausgeraubt wird, der an diesem Fall zu zerbrechen droht, weil er einen Menschen erschossen hat. Seinem Arzt berichtet er von Alpträumen, Schlaflosigkeit, nächtlichen Angstzuständen. Auch der Ruhestand ist eine Option. Aber Wallander wird zurückkehren, es wird nur etwas dauern.

Und dann Afrika. Zerbrechlich sei der Kontinent wie eine weiße Löwin, hatte seine Tochter Linda ihren schwarzen Freund zitiert. Mankell wird zurückkehren.

Es wird nur etwas dauern.

Henning Mankells Die weiße Löwin ist 1993 erschienen, übersetzt hat es Erik Gloßmann


Mehr im Blog: Erster Roman der Wallander-Reihe war Mörder ohne Gesicht, Folgeband dann Hunde von Riga. Das Afrika-Thema steht auch schon im frühen Roman Mankells im Mittelpunkt: Der Sandmaler.