Dem Leser bleibt die Konstruktion des Inneren, der Empathische reist mit bis zum Ende, was tragisch und schmerzhaft sein kann und sein soll.

Als Dichter bleibt Goethe unfassbar, so wie jeder auch als Mensch. Umso beeindruckender erscheint der Versuch von Sigrid Damm, das Leben aus der Perspektive des alten Mannes zu erfassen.

Goethes letzte Reise führt nach Ilmenau und in den Tod. Sie setzt als Ankerpunkte einige wesentliche Stationen und Begebenheiten seines Lebenskunstwerks: nämlich den in eine Schutzhütte auf dem Kickelhahn geritzten Vers, der als Wanderes Nachtlied bekannt wird („Über allen Gipfeln ist Ruh…“), das nicht immer erfolgreiche Wirken für den Bergbau, die Italienische Reise, die schon so lange Vergangenheit ist und als Synonym für Kunst par excellence gilt, weiter die Beziehungen zu Frauen. Da fallen erwartungsgemäß die Namen Vulpius und von Stein, zuletzt aber auch Ulrike von Levetzov als Schlüsselfigur, die ihm klar macht: Jetzt bis du alt!

Dann blickt Damm auf das Sterben seines Sohnes, schließlich jene letzte Reise an die für Goethe historischen Stätten in Ilmenau (für ihn auch eine Art Arkadien-Ersatz) , die er Ende August 1831 mit seinen Enkeln Walther und Wolfgang unternimmt. Die Schilderung schwebt quasi über allem, sie ist das Jetzt im Text.

Manchmal scheint es, als könne sich Sigrid Damm nicht so recht entscheiden: Wähle ich die Sprache der Wissenschaft, arbeite ich reportagehaft oder erzähle ich einen Roman? Die letzte Reise ist eine Untersuchung (teilweise Tag für Tag) der damaligen Umstände. Goethes Welt wird anhand vorhandener Quellen – vor allem Briefe und Tagebuchaufzeichnungen – sehr genau geschildert, Lesende dürfen kombinieren. Genau das macht dann auch das Vergnügen aus: Man kommt Goethe durch diesen Kunstgriff sehr nah – und es wirkt authentischer als etwa eine Ich-Erzählung, weniger verkopft als ein rein wissenschaftlicher Text, den man leicht als ermüdend empfinden könnte. All diese Fragen dürfte sich auch der Verlag gestellt haben, der dann die neue Gattung Dokumentenroman erfindet, was meines Erachtens am besten passt.

Fest steht also: Die Freiheit im Dokumentenroman ist die Freiheit im Damm-Text; auch wenn die Außenwelt noch so original geschildert wird: Dem Leser bleibt die Konstruktion des Inneren, der Empathische reist mit bis zum Ende, was tragisch und schmerzhaft sein kann und sein soll.

Die Perspektive des Alten zeigt das Nicht-Aufhören der Entwicklung, was eben bei Goethes Sohn-Betrachtung ganz deutlich wird. Typisch kühl und in sofortiger Distanz hatte der Vater damals das Ableben zur Kenntnis genommen, im Angesichts des eigenen Todes fragt er sich, ob auch August so hatte leiden müssen wir er selbst. Goethe also ist sich des nahenden Todes bewusst, unser Vorwissen verstärkt Damm mit der Tageszahl, die er noch zu leben hat, gewissermaßen bis zum eigenen Finale, das er sitzend verbringen will – das Bett darf der Bedienstete nutzen.

Dass es Zeit wurde, Dinge zum Abschluss zu führen, lässt sich ablesen (ohne also den Schmerz des Ichs zu kennen): Den Faust hatte er noch vollendet, noch – wenige Stunden, bevor er stirbt – eine amtliche Unterschrift geleistet. Goethe kämpft um das eigene Sein bis zuletzt.

Sigrid Damm, Goethes letzte Reise, ist 2007 bei Insel erschienen.

Die Italienische Reise (hier eine Abbildung aus einem Nachdruck von 1926 bei Bruckmann) bleibt Lebensthema. Der Ort aber verselbstständigt sich.