.Für mich ist das Buch auch ein Bild für den Sinn der Literatur und von Büchern schlechthin.

Manche Bücher sind Lebensbücher: immer wieder hervorgeholt, immer wieder gelesen. Für mich ist das bei Goethes Die Leiden des jungen Werther so. Wahrscheinlich ist es die Form des Briefromans, die Lesenden eine fast beängstigende Nähe zur unglücklichen Hauptfigur vermitteln. Und das funktioniert damals wie heute, auch wenn der literarische Brief im Erscheinungsjahr 1774 schon üblich war.

Es ist doch so: Wer Briefe schreibt, kehrt sein Innerstes nach außen – er schreibt sie zunächst einmal nur für sich, manchmal sogar ohne das Ziel, die Texte dann auch wirklich abzuschicken, oder er schreibt sie für einen Freund. Was Freundschaft für Goethe bedeuten sollte (hier die seines Helden zu einem fiktiven Verleger), erfährt er selbst später bei seiner Beziehung zu Schiller, die – nach Schillers frühem Tod – skurrile Formen annimmt. Dann nämlich, wenn der Geheimrat den Schädel des Verstorbenen bis zur weiteren Beisetzung in Weimar aufbewahrt.

Im Roman geht es zunächst um Wilhelm. Auch ihm gegenüber kann er sich von allem Äußeren befreien, der Werther schreibt so wahr, wie es ihm in diesem Moment möglich ist.

Dem jungen Helden also, juristisch vorgebildet, kommt ein Erbschaftsstreit, den er für seine Mutter in einer namenlosen Stadt beendigen soll, gerade recht. Er kann sich (ziemlich feige übrigens, wie ich finde) aus einer einseitigen Liebschaft lösen. Unweit besagter Stadt liegt der Ort Walheim, den Goethe als Heim der Geschichte gewählt hat und in dem sich der Briefschreiber heimisch fühlt.

Werther nähert sich beobachtend der Szenerie, den Geschwisterkindern, schließlich Lotte, die sich so liebevoll kümmert. Aus dieser Beobachtung heraus ist Werther gerührt, wagt die direkte Begegnung, die schnell zum Zwang wird, glaubend, Lotte erwidere seine Gefühle. Doch Lotte ist mit Albert liiert, dem freundlichen Assessor, den auch der Werther kennenlernt. Werther weiß um die Hoffnungslosigkeit seiner Liebe und lässt sich zur Ablenkung bei einem Gesandten anstellen. Doch der ist ein Bürokrat sondergleichen und komplett verankert in alten Strukturen. Werther kann das nicht ertragen und ergreift erneut die Flucht. Auch die Tätigkeit bei einem Fürsten erfüllt ihn nicht: zu sehr vom Verstand gelenkt sei der Mann (mehr noch als Albert), dabei ganz ohne Gefühle.

Nein, es hilft nur eins: Werther muss Lotte wiedersehen, auch wenn die inzwischen mit Albert verheiratet ist. Dass er als Dritter in die Beziehung grätscht, sorgt bei Spannung unter den Eheleuten: Werther nähert sich Lotte nur noch in Abwesenheit ihres Mannes. Auch ihrer Forderung, er möge sie nun nicht mehr besuchen, kann der Verzweifelte nicht folgen. Als er ihr bei einem der verbotenen Besuche aus den Gesängen Ossians – Klagen an verstorbene Helden – vorliest, überkommen ihn die Gefühle: Er küsst sie, sie weist ihn ab.

Werthers Leben bricht zusammen, die Briefe werden fragmentarisch, Wilhelm ergänzt. Werther hat den Entschluss gefasst, im Jenseits auf Lotte zu warten, besorgt sich die Pistole und setzt seinem Leben ein Ende.

Dass der Roman – heute sagen wir – einen Hype ausgelöst hat, wundert nicht. Die nach außen gekehrten Innenansichten treffen die Gefühlswelten ins Mark, die Lektüre wird zur Psychoanalyse. In der Rezeption ging es dann auch immer wieder um den Werther-Effekt, der sich auf die Übertragung des literarischen ins wirkliche Leben stützt. Für mich ist das Buch auch ein Bild für den Sinn der Literatur und von Büchern schlechthin. Goethe stellt den Text treffend als Begleiter vor:

Und du, gute Seele, die du eben den Drang fühlst wie er, schöpfe Trost aus seinem Leiden, und lass das Büchlein deinen Freund sein, wenn du aus Geschick oder eigener Schuld keinen näheren finden kannst.

Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther, Reclam 1996