Zweig ist kein Richter. Das Richten überlässt er dem Publikum.

Stefan Zweig kann in besinnlichen Stunden durchaus gruseln, zumal ich in der Biographie-Literatur keine Exekutionsszene kenne, die so authentisch beschrieben wird wie in Maria Stuart. Sein Text über die schottische Königin gehört im deutschsprachigen Raum noch immer zu den maßgeblichen Werken des Genres und liest sich teilweise wie ein Roman, der auf die auch von der Delinquentin inszenierte Tötung hinausläuft.

Dabei ist es natürlich interessant (wenn auch nicht notwendig) , das Buch mit einer gewissen Grundkenntnis Zweigschen Daseins zu lesen. Dass er sich im Hinblick auf seine aktuelle Situation intensiv mit dem Tod auseinandergesetzt hat, liegt nahe. Die Nazis hatten ihm „die geistige Heimat“ genommen, als er seinem Leben mit einer Überdosis Veronal ein Ende setzte. Seine Frau folgte ihm, was vielleicht noch Trost war.

Was Maria Stuart (1542 bis 1587) am Ende ihres kurzen Lebens genommen wurde, beschreibt Zweig eindringlich. Davor gibt es Einblicke in die Kindheit als Kindskönigin von Schottland, die Flucht nach Frankreich (weil Heinrich VIII. wollte, dass Schottland für eine gemeinsame Königin das Bündnis mit Frankreich aufgibt), das Aufwachsen und den Bildungshunger am französischen Hof, die Rückkehr als Witwe nach Schottland, die stetigen Spannungen mit Elisabeth II., die unglückliche Ehe mit Lord Darnley, der ihr Untreue vorwirft und der an einer herbeigeführten Explosion stirbt. Dann die Untersuchungen, ob sie wirklich die Auftraggeberin war, schließlich das Unausweichliche: ein Todesurteil, ausgesprochen und vollstreckt und bereut von Elisabeth.

Maria Stuart hatte Frieden mit sich selbst geschlossen, wusste bewusst um das Weiterleben als Mythos, was dann auch in der Literatur bis heute inszeniert wird. Immer wieder verweist Zweig auf Shakespeare und Lady Mcbeth. Obwohl er sich als Autor und Europäer für die großen Zusammenhänge interessiert hat, sind es hier gerade die Details, die die Lebenswelt der Königin nachvollziehbar machen.

Dabei wollte Zweig eigentlich gar keine Biographie mehr schreiben, hatte nach Marie Antoinette und Erasmus von Rotterdam genug davon, wie sich auch im Nachwort der Fischer-Ausgabe nachlesen lässt. Dann war es aber doch die direkte Konfrontation mit der Todesszene im Britischen Museum in London und die laut Zweig fehlende Literatur zum Thema. Dass sie als „Heilige“ verklärt wurde, störte ihn. Und das sollte dann auch den Wert seines Textes ausmachen. Sie war keine „göttliche“ Person, sie war ein Mensch, der früh in eine Rolle gepresst wurde und sich an dieser Rolle abarbeiten musste. Zweig ist der unparteiische Beobachter, er ist kein Verehrer und erst recht kein Richter. Das überlässt er bewusst dem Publikum, teilweise auch die nicht mehr zu beantwortenden Fragen, inwieweit wer Drahtzieher ihres Todes war.

Der Text liest sich zwar romanhaft, ist aber letztlich eine Lebensreportage, die aus der Perspektive Maria Stuarts die Unsterblichkeit inszeniert. Sie will, dass die Nachwelt möglichst eingehend von ihrem Sterben erfährt. Auch wenn die Medienwelt im 16. Jahrhundert von der Weitererzählung geprägt war, war sie in diesem Sinn ein Medienprofi.

Stefan Zweig, Maria Stuart, Fischer-Klassik plus, E-Book 2009. Erstmals erschienen ist die Biographie 1935.