Sein Drehbuch ist das Leben, das Leben,  wie es ihm geschieht. Und das dann ein schlüssiges Typbild ergibt.

Viele Geschichten kenne ich, weil mich Werner Herzog grundsätzlich interessiert. Fitzcarraldo fand ich sehr beeindruckend: Ein Schiff wird im Dschungel von Fluss zu Fluss über den Berg getragen. Getragen wird der Film natürlich von Klaus Kinski, der in fünf Herzog-Kinski-Produktionen vielleicht seine größte Leistung abliefert, was möglicherweise mit den Strapazen aus seiner (und immer wieder seiner) Sicht zusammenhing, die er selbst erleiden musste, viel mehr aber noch diejenigen, die mit ihm zusammengearbeitet haben oder das mussten, Herzog selbst ist immer wieder Ziel. Und eben in Fitzcarraldo Produktionschef Walter Saxer, der für den „Schweinefraß“ verantwortlich war. Am Ende boten die Indianer, mit denen Herzog drehte, die Ermordung des Tyrannen an.

Vieles hatte Herzog schon in Mein liebster Feind aus der Distanz aufgearbeitet, vieles lässt ihn aber auch in noch größerer Distanz im neuen Buch nicht los. Wie auch? Kinski ist früh und dann immer wieder Thema. Von einem Kinski-Buch sind die Erinnerungen aber weit entfernt, auch wenn es mit dem eigentlichen Ende von Aguirre, der Zorn Gottes beginnt. Der spanische Eroberer (im Film eben von Kinski dargestellt) hatte seinem Getreuen befohlen, er möge ihn nun töten, da er von allen verlassen sei und auch seine Tochter umgebracht habe. Der Getreue zielt und drückt ab und trifft Aguirre in die Brust. Der meint: „Das war nichts“ – und befielt noch einmal zu schießen. Und danach: „Das sollte genügen.“

Herzog erzählt nicht linear, er vertextet seinen Erinnerungsstrom, mal ein Versatzstück aus der Kindheit in Sachran und den Schuljahren in Wüstenrot, wo er mit seinem Vater nach der Scheidung der Eltern zeitweise lebte, streift die Herkunft der Mutter aus Kroatien, schildert den soldatischen Großvater, der so absurd sein konnte. Oder Vater Dietrich aus der Akademikerfamilie, der kurz vor seinem Tod dem „immer tieferen Wahnsinn verfallen“ war. Weiter beschreibt er die Geschwister und Halbgeschwister, die ihm ans Herz wachsen, besonders Halbbruder Lucki, der ihm immer wieder den Arsch gerettet hat, wenn es in den Filmen gar nicht mehr weiterging und die frischen Kopien verschwunden sind. Mit großem Respekt spricht er über seine Frauen, was ihm schwerfällt „Es steht in meinem Sinn für Diskretion im Konflikt, über meine Frauen zu sprechen“, schreibt er, und: „Aber ich kann sagen, dass alle Frauen in meinem Leben, ohne Ausnahme außerordentlich waren: begabt, selbstbestimmt, sehr gescheit, warmherzig.“

Überhaupt die Helden: Er vergöttert den ersten und für ihn ewigen mythischen Helden namens Sturm Sepp, einen bärenstarken Typen, der – wenn er mit seiner Sense hantiert – nicht ungefährlich daherkommt.

Dann sein Traum vom Fliegen: nicht in einem Flugzeug, sondern „einfach so, mit dem Körper, ohne Gerät.“ Und das klingt nun wirklich schon nach Film.

Aber nicht hoch hinaus soll es gehen, sondern in die Höhlen: Die Urzeitbilder, die er beiläufig im Schaufenster gesehen hatte, waren Vorläufer seiner Transzendens-Erfahrungen , wie er schreibt. Viel später sollte Herzog einen Dokumentarfilm über die 1994 entdeckte Chavet-Höhle drehen. So wie er immer wieder und alles drehte, auch wenn seine Mutter „generell Bedenken“ hatte, dass er Filme machen sollte. „Ich war ihrer Ansicht nach zu sehr in mich gekehrt und zu scheu“, schreibt er, und: „Aber in mir war etwas, das man im Katholizismus Heilsgewissheit nennt.“ Die Folge: Auch wenn es noch keine Filmschule gab, ging er zum Film, war Regieassistent in den Bavaria-Studios und stand bald vor der Frage, eine eigene Produktionsfirma zu gründen. Der Rest ist Geschichte.

Als Soldat des Films hatte sich Herzog selbst bezeichnet, weil er – in seinem Sinn und mit den Befehlen seiner Moral – pflichtbewusst handelt. Und in seinen Erinnerungen ist er auch ein Soldat des Buchs, ganz in neuer Wortverwendung; er lässt den Text sprechen wie er Bilder sprechen lässt. Und dabei ist die Kamera kein Muss, Herzog ist einer, der zeigen kann, wie Kino im Kopf entsteht. Sein Drehbuch ist das Leben, das Leben,  wie es ihm geschieht. Und das dann ein schlüssiges Typ-Bild ergibt. Am Schluss fügt sich alles wunderbar zusammen. Und auch die Brüche passen. Und das Scheitern schwebt über allem, als Option gewissermaßen, nicht als Hinderungsgrund. Auch wenn das Schiff nicht über den Berg getragen werden kann, wir müssen es versuchen.

Das Handeln um fast jeden Preis macht den Reiz der Erinnerungen aus. Darin schätzt Herzog den Bericht über Extreme, er muss Kindersoldaten filmen, Vulkane, Berge mit Reinhold Messner oder eben Kinski. Neben den Naturgewalten wirkt Herzog selbst wie ein Stoiker – vielleicht weil er Zeit und Muße braucht, alles genau zu beobachten. Bis ins Extrem.

Wobei mir an diese Stelle ein Youtube-Video einfällt, in dem Herzog 2006 einem amerikanischen Reporter ein Interview in den Hollywood-Hills gab. Vor laufender Kamera wird der Regisseur angeschossen, Reporter und Crew sind erschüttert. Herzog selbst kommentierte die Einschusswunde mit den Worten: „This is not significant.“ Die Anekdote hat er jetzt auch der neuen Züricher Zeitung nochmal ezhält: „Ich habe nur wahrgenommen, dass von einer Veranda aus jemand herumgebrüllt hat. Ich glaube, etwas gegen Filmstars. Dann, auf einmal, eine Art Explosion. Ich dachte, die Kamera sei explodiert. Es war, als hätte ein glühendes, kiloschweres Metallteil mich am Körper getroffen.“

„Jeder für sich und Gott gegen alle“ hieß schon sein Kasper-Hauser-Film 1974, jetzt verwendet Werner Herzog den Untertitel erneut Die Erinnerungen sind zum 80. Geburtstag erschienen. Diese Zahl ist aber genau so wenig Schnitt oder Abschluss wie 60 oder 70, ist hier nur ein temporärer Anlass zur Rückschau. Denn ich kann mir kaum vorstellen, dass er mit 90 aufhören wird zu schreiben und zu filmen. Die Filmographie mit über 60 Filme, im Buch angehängt, ist beeindruckend. So wie all die Pläne, die er (an dieser Stelle wollte ich „noch“ schreiben, aber das passt nicht) im Kopf hat. Das Ende wird wie der zufällig am Fenster vorbeifliegende Kolibri sein.

Werner Herzog, Jeder für sich und Gott gegen alle, Erinnerungen, ist 2022 bei Hanser erschienen.